Ehrlicher Journalismus

Panisch rennen Menschen über ein Feld an der ungarischen Grenze – die Polizei versucht vergeblich sie aufzuhalten. Mittendrin steht die Kamerafrau Petra L. und stellt einem der Flüchtenden, der sein Kind auf dem Arm trägt, ein Bein und bringt ihn zu Fall. Es war, nein es IST DER Skandal der Woche – die Aufnahmen gingen um die Welt!

Die ungarische Kamerafrau Petra L. vom Sender N1TV wurde dabei gefilmt, wie sie einem Flüchtling, der sein Kind auf dem Arm trägt, ein Bein stellt und ihn so zu Fall bringt.

Was bewegt einen Menschen dazu, sich unter diesen Umständen der Not anderer unfair und Menschen verachtend zu verhalten? Hat Petra L. es nicht gefallen, wie die Flüchtenden an ihr vorbei rannten. War es zu unspektakulär?  Nur einfach rennende Menschen verkaufen sich wohl schlecht. Da macht es sich um einiges besser, am Boden liegende Flüchtlinge zu filmen. Diese müssen sich ihren Fluchtweg erkämpfen und sind von ihren vielen beschwerlichen Stürzen schmutzig. Das will doch die Welt sehen. Das Elend an der Ungarischen Grenzen. Es wundert mich, das dem Kind nichts passiert ist. Oder zumindest wurde darüber nichts bekannt. Leicht hätte der fallende Mann dem Kleinen etwas brechen können. War es das, was die Kamerafrau wollte?

Was bringt ein solches Bild dem Journalismus ein?
Ruhm und Ehre? Pulitzer lässt grüßen. Wohl kaum.

Solche Momente lassen bei mir das Messer in der Tasche aufgehen. Solche Bilder zeigen die teuflische Fratze der sensationsgeilen Meute, die der Welt mit aller Gewalt das liefern wollen,  was die Welt sehen möchte. In diesem Fall Not, Elend, von der tagelangen Flucht vor den Massakern schmutzige Menschen. Es muss geschrien werden. Es muss auch für den dümmsten in seinem bequemen Sessel, abends bei der Tagesschau, leicht ersichtlich werden, das Flüchtling sein, kein Spaß ist. Das irgendwo es Menschen gibt, denen es bedeutend schlechter geht. So fühlt sich Otto-Normal, selbst in seinem traurigen und eintönigen Leben gefangen, gleich besser, nippt an seinem Bierchen und knabbert Salzbrezeln.  Kurze Einblendung des Nachrichtensprechers mit dem Hinweis auf das morgige Wetter und danach kommen die Lottozahlen.  Der Sprecher wünscht dem Zuschauer einen schönen Abend und der Abend-Film beginnt. Seichte Unterhaltung. Beim Zuschauer stellt sich Zufriedenheit ein. Heile Welt. Alles wie immer.

Wie war das am 31. August 1997 in Paris? Eine Meute von „Journalisten“ jagen Lady Diana und ihrem Freund Dodi Fayed nach. Für Fotos von zwei Personen in einem Auto. Später werden es auf tragische Weise Fotos von zwei sterbenden Personen in einem Auto. Fassungslos machte es damals. Hat die Welt daraus gelernt? Hat der Journalismus daraus gelernt? Fragwürdig.

Genau wie damals hat die Sensationshascherei über die Vernunft gesiegt. Es wird sich niemals ändern. Es wird noch viel passieren müssen, damit die Welt aufwacht. Oder werden wir uns damit abfinden müssen, uns von den Medien verarschen zu lassen. Für eine Hand voll Zehnerle wird eine Zeitung alles drucken, was Auflage bringt. Ob es der Wahrheit entspricht oder nicht. Wir hätten es in der Hand.

Letzten Endes können wir nur auf den nächsten Skandal warten. Auf den nächsten Krieg. Auf die nächste Sensation. Auf die nächsten Verletzten oder Toten.  …. und auf die Journalisten, die das Ganze uns näher bringen.

Wünsche trotzdem noch einen schönen Abend. Bei Tageschau, Bier und Salzbrezeln.